Ein Anfang ohne Ende? Mein Weg nach Jordanien
- feuerundfeder
- 16. Apr. 2021
- 4 Min. Lesezeit

Ein Ende und ein Anfang
April 2017. Tief einatmen. Tief ausatmen. Stille. Dunkelheit. Und es macht sich auf den Weg. Dieses Gefühl aus dem tiefsten Inneren. Noch ist es kaum greifbar. Und als es letztendlich an die Oberfläche dringt, ist es so überwältigend, dass gar nicht daran zu denken ist, danach zu greifen. Ein hysterisches Lachen in die mich umgebende Stille bahnt sich den Weg aus meiner Kehle. Parallel wird es warm in den Augen und eine Träne kullert über meine Wange. Hier liege ich, lachend und weinend. Völlig überwältigt von Gefühlen, wie ich sie selten gefühlt habe. Tiefe Dankbarkeit erfüllt mich, Dankbarkeit diesen Moment so pur erleben zu dürfen. Hier liege ich, lachend und weinend. In einer sternenklaren Nacht, keine Menschenseele und kein elektrisches Licht weit und breit. Unendliche Weite, klare Luft. Der kalte Sand rinnt durch meine Finger. Hier liege ich, lachend und weinend. Im Herzen einer der beeindruckendsten Wüsten der Welt, in diesem überwältigenden Stück Natur im Süden des Königreichs Jordanien – in Wadi Rum. Zehn Tage Rundreise durch Jordanien neigen sich dem Ende zu. Und dieses Ende wird ein Anfang sein. Das ist mir hier und jetzt allerdings noch nicht bewusst. Tief einatmen. Tief ausatmen.
Aus dem Bauch heraus
Januar 2017. Tief einatmen. Tief ausatmen. Schritt für Schritt wird es schwerer. Nun noch einen Hügel, nur noch 500 Meter! Tief einatmen. Tief ausatmen. Auf die Schritte auf dem Asphalt konzentrieren. Tempo verlangsamen, Atmung beibehalten. Tief einatmen. Tief ausatmen. Geschafft! 25 Minuten, 3km – definitiv keine Glanzleistung heute, aber für das stetige Auf und Ab meiner Nachbarschaft keine schlechte Leistung. Heute fiel es mir deutlich schwerer mich auf meine Atmung beim Laufen zu konzentrieren. Dieser Gedanke, der sich seit einigen Tagen im Hinterkopf festgesetzt hat, zieht all meine Aufmerksamkeit. Soll ich es wirklich tun? Traue ich mir das zu? Ist es sicher genug? Wie wird meine Familie reagieren? In den 25 Minuten, seit ich die Wohnung verlassen habe und nun wieder den Schlüssel in die Wohnungstür stecke, ist es passiert. Ohne es selbst zu merken, habe ich eine Entscheidung getroffen. Anstatt unter die Dusche zu springen, ein Glas Wasser zu trinken oder die verdreckten Laufschuhe auszuziehen, zieht es mich direkt ins Wohnzimmer vor meinem Laptop. Laptop an, Webseite öffnen, Daten eingeben, bezahlen. Keine 5 Minuten hat es gedauert: Sie sind gebucht! Meine Flüge für 10 Tage in Jordanien sind tatsächlich gebucht! In 6 Wochen geht es los! Das erste Mal Urlaub in einem arabischsprachigen Land. Das erste Mal Urlaub alleine. 10 Tage in Jordanien. Alleine. Meine Wangen glühen. Nicht von den lächerlichen 3 km Joggen, nein. Meine Wangen glühen, mein Herz rast, in meinem Bauch machen sich Schmetterlinge breit. Tief einatmen. Tief ausatmen.
Ahlan wa Sahlan
März 2017. Tief einatmen. Tief ausatmen. Die Panik unterdrücken. Der Magen spielt schon die ganze Nacht verrückt. Jetzt ist es zu spät. Der Rucksack ist aufgegeben, der Flug wird aufgerufen. Von Frankfurt aus starte ich in mein großes Abenteuer. Noch eine kleine Panikwelle kurz vor Abflug, als nach der Englischen Durchsage alles noch einmal auf Arabisch wiederholt wird. Ich höre genau hin und versuche etwas zu verstehen. Hoffnungslos. Was habe ich mir nur dabei gedacht! Auch nach 4 Arabischkursen an der Volkshochschule, ist es mit meinen Arabischkenntnissen noch nicht so weit her. Die Angst vor der Sprache wird dann glücklicherweise schnell von der Freude über das Essen im Flugzeug verdrängt. Ein eher unscheinbares, aber frisches Sandwich wird begleitet von Hummus! Hummus - ein typisch arabischer Dip aus Kichererbsen und eine meiner liebsten Beilagen. Die Vorfreude auf 10 Tage jordanische Gerichte steigt ins Unermessliche! Die Hummusschale bis auf das letzte Eck ausgekratzt, lehne ich mich satt und zufrieden zurück. Ich muss lächeln, die Panik der letzten Nacht weicht langsam aber sicher der Vorfreude.
Ich lasse meine Augen durch die Sitzreihen schweifen. Es ist voll und laut im Flugzeug. Eine bunte Mischung aus Englisch, Arabisch und Deutsch wird gesprochen. Familien, die versuchen ihre Kinder im Zaum zu halten sitzen zwischen den typischen „Indiana Jones“ Reisegruppen, die mit Wanderschuhen und Cowboyhüten im Flugzeug sitzen und in den Reiseführern zum hundertsten Mal alle Details über die historische Felsenstadt Petra lesen, die das Highlight ihrer Jordanienreise sein wird. Nur wenige Passagiere scheinen - wie ich - alleine unterwegs zu sein. Nach der Landung empfängt uns Jordanien an seinem wunderschönen und blitzblanken Hauptstadtflughafen, dem Queen Alia International Airport. Benannt nach Königin Alia Al Hussein, die bei einem Helikopterabsturz 1977 tragisch ums Leben kam, deren Namen aber bis heute viele Institutionen und Stiftungen in Jordanien tragen.
Ich folge der Passagierschlange aus unserem Flugzeug in Richtung Passkontrolle. Vor der Passkontrolle kann ich mein Glück kaum fassen: ein Bankautomat! In Deutschland war es fast unmöglich an eine größere Menge jordanische Dinar (kurz JOD) zu kommen. Schnell hebe ich etwas Geld ab, um den Fahrer zahlen zu können, den mein Gästehaus für mich organisiert hat (in das Abenteuer Taxi wollte ich mich dann doch nicht direkt stürzen). In der Schlange zur Passkontrolle komme ich mit einem weiteren Alleinreisenden ins Gespräch. Wir verabreden uns dazu, am nächsten Tag die Hauptstadt Jordaniens, Amman, gemeinsam zu erkunden. Bisher läuft diese Reise besser, als ich es mir vorgestellt hatte! Dann bin ich endlich ich an der Reihe, mit einem energischen Stempel in den Pass und einem „Ahlan wa sahlan – Welcome to Jordan“ geht es los! Jordanien, hier bin ich!

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